
Nur eine verschwindend geringe Zahl von Frauen hat Aufnahme in den Kanon der deutschen Literatur gefunden. Erst die feministische Literaturwissenschaft der letzten drei Jahrzehnte hat, vielfach von der etablierten (männlichen) Germanistik belächelt oder gar offen bekämpft, den Blick geöffnet für den bedeutenden Anteil weiblicher Autoren an den literarischen Entwicklungen seit dem 17.Jahrhundert. Inzwischen liegen biographische, bibliographische und werkanalytische Studien in kaum zu überschauender Fülle sowie erste Versuche einer Synthese vor. Ein neuer, erweiterter Kanon der deutschen Literatur ist freilich (noch) nicht entstanden. Dies liegt nicht zuletzt auch daran, das mittlerweile zwar einige wenige Texte von Frauen in Neudrucken oder in kostspieligen Reprintausgaben wieder verfügbar sind, ein breiter Zugriff auf die Werke aber unverändert schwierig ist. Zahllose Texte sind seit ihrem ersten Erscheinen nie wieder, andere, einstmals weitverbreitete Werke seit Jahrzehnten nicht mehr gedruckt worden. Es gibt keine öffentlich zugängliche Bibliothek, die auch nur sämtliche in der vorliegenden Edition vereinten Werke besitzt. Die CD-ROM-Edition "Deutsche Literatur von Frauen" bietet einen Längsschnitt durch das Werk von 62 Schriftstellerinnen vom zweiten Viertel des 17. Jahrhunderts bis in die Zeit der Weimarer Republik. Mit einem Gesamtumfang von gut 78000 Bildschirmseiten ist sie die bei weitem umfangreichste Ausgabe von literarischen Texten deutscher Autorinnen, die jemals zusammenhängend publiziert worden ist. Angesichts der Tatsache, daß die Zahl der weiblichen Schriftsteller seit der Wende zum 19. Jahrhundert enorm anstieg und viele von ihnen ein ungemein umfangreiches Werk von oftmals zehntausend und mehr Druckseiten hinterlassen haben, kann aber auch die vorliegende Edition nur einen Bruchteil der Schriftstellerinnen, die seit dem 17.Jahrhundert im deutschen Sprachraum gewirkt haben, und nur einen winzigen Ausschnitt aus den von ihnen veröffentlichten Texten repräsentieren - die Anzahl der aufgenommenen Autorinnen und Werke hätte mühelos verzehnfacht werden können.